Letzte Tage und Wochen

Und dann hatte ich beschlossen, in die Berge zu fahren. Nur für ein paar Tage raus, Stille und diese Dinge. Es sollte ein sonniges Wochenende werden, aber eben kalt.
Ich habe einen Zug genommen in einen kleinen Ort, vom aus ein Bus in einen noch kleineren Ort fuhr, um von dort aus in einen Ort zu laufen, in den keine Busse mehr fahren. Irgendwo in den Alpen, an der Grenze zu Frankreich. Ich würde ungern sagen, dass ich wandern war, denn dieser Begriff weckt gewöhnlich hohe Erwartungen an zurückgelegte Strecke, Höhe und Geschwindigkeit. Sagen wir deshalb, dass ich exzessiv spazierengegangen bin. Jeder gute exzessive Spaziergänger weiß, dass es von essentieller Bedeutung ist, den Körper ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Unangebrachter jüdischer Geiz sollte dabei keinesfalls dazu führen, auf bewährte Markenprodukte zu verzichten. Aus diesem Grund hatte ich gleich zwei Dosen Pringles dabei und diverse Schokoladenkekse. Die Route sah schokierend viele Anstiege vor (auf der Karte sah das alles halb so wild aus) und es ließ sich trotz intensiver Knobelarbeit keine Strecke finden, bei der es ausschließlich bergab oder geradeaus ging, hübsche Aussichten zu bestaunen waren und ich letztendlich wieder an den Ausgangspunkt gelangte. Aber wenigstens war es sonnig! Jedoch ließ sich der Klimawandel auch dort oben spühren; das Wetter spielt einfach verrückt! Treibhausgase, Ozonlöcher, Erdachsenroutationen und Vergleichbares förderten auf 2000 Metern etwas zutage, womit Mitte November nun wirklich niemand rechnen konnte: Einen halben Meter Schnee. Da halfen auch Stulpen über den Sneakers nichts und keine warmen Gedanken. Mit Sonnenbrand und drei abgefrorenen Zehen, die ich an der Quelle des Po zurücklassen musste, stapfte ich hinter einer Steinbockmutter zurück ins Tal um in den folgenden Tagen in den Wäldern der Umgebung zu bleiben und die schneebedeckten Gipfel aus sicherer und wärmerer Entfernung zu bewundern. In jedem Fall muss ich aber sagen, dass auch wenige sonnige Tage in einer Umgebung, in der außer dem Fluss und den eigenen Schritten nichts zu hören ist, einen unglaublich beruhigenden und entspannenden Effekt haben.

Ich bin dann weiter nach Genua gefahren und dort ein paar Tage geblieben. Ich muss sagen, dass es wirklich eine wunderschöne Stadt ist!! Der Hafen ist riesig und neben einem der größten und modernsten Aquarien Europas (mit Eintrittpreisen, für die man die Hälfte der Fische bereits am angrenzenden Fischmarkt erwerben kann) finden sich schmale Gassen, in denen die Prostituierten tagsüber ihrem zweifelhaft amüsanten Verdienst nachgehen. Es gibt kleine Läden und große Kirchen, moderne Plätze und schummrige Seitenstraßen und selten sieht man Armut und Reichtum so direkt aufeinander prallen. In der einen Straße stehen die Villen mit Meerblick und nur eine Gasse weiter streiten sich der Afrofriseur und der türkische Barbier darum, ob der Heroinpreis Wucher ist oder nicht. Die erste Bank wurde in Genua gegründet, Columbus hat hier gewohnt und Marco Polo war hier im Gefängnis. Noch immer fahren kleine Boote zum Fischen aufs Meer, während nebenan riesige Frachtschiffe Güter aus aller Welt verladen. Ein besonderes Flair und so herrlich widersprüchlich, dass ich mich außerordentlich wohl gefühlt habe.

Anders war das in der Schweiz. Ich würde sagen, dass ich den Kulturschock meines Leben bekommen habe, als ich in einer Züricher Bar nach etwas Honig zu meinem Tee gefragt habe. Der Kellner überlegte einen Moment und sagte dann, ohne das Gesicht zu irgendeiner mir vertrauten Emotion zu veryiehen, dass er diesen dann aber extra bongen müsste. Natürlich! Aber gerne doch! Ähnliches passiert auch, wenn man in einem Hotel danach fragt, ob sich ein Fön benutzen lässt. Ja, ja, die Situation ist außergewöhnlich, aber ich war kurzfristig an eine Freikarte für die Oper gekommen und hatte noch nasse Haare vom schwimmen im (Gottvater, eiskalten) See. Der Rezeptionist sah mich an, nickte und verwies darauf, dass ich jedoch das Zimmer anteilig zahlen müsste. Jawohl, auch dann, wenn das Fönen nur zehn Minuten dauern würde. Man stelle sich mal vor, es kämen ständig Leute, die mal eben duschen wollten oder vergleichbare Wünsche äußerten. Wo kämen wir denn da hin? Jedenfalls nicht mit trockenen Haare in die Oper.
Ich möchte Zürich nun nicht Unrecht tun, es ist schön dort und ich habe nette Menschen getroffen. Ich war in der Sauna, in der Oper, auf Parties, habe mit Studenten gesprochen und solchen, die in der Schweiz ein unvorstellbares Gehalt beziehen - als Bankangestellte! Und doch hält sich meine Begeisterung für das Land mit der geschlossenen Grenze ein wenig in selbiger. Es mag allerdings sein, dass schlicht der Wechsel von südländischer Lebensart zu schweitzer Präzison in mir ein kontrastreicheres Bild hat entstehen lassen, als es gerechtfertigt wäre. Aber eben auch eine in differenziertem Denken geschulte Akadamikerin kann die Unterlippe vorschieben und maulen: "Mir egal, alles blöd, ich will wieder ans Meer!"

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