Donnerstag, 2. Oktober 2008

Norditalien

Die Grenze zu Italien war eindeutig am Hauptbahnhof von Nizza auf Gleis G. Vorbei war der franzoesische Komfort, die Ruhe und die Hoeflichkeit. Der Zug nach Mailand war ein Trenitalia. Von diesem Moment an war alles italienisch: Die Sprache, die Lautstaerke, die Papiertueten, die Kleidung, die Gesten. Ich musste so lachen! Zwei Omis unterhielten sich ueber Fussball und bezogen mich unhinterfragt ein. Ich war an diesem Tag fuer Mailand (man will ja keinen Streit). Kekse wurden durch das Abteil geworfen, dicke Mamis in roten Kleidern mit weissen Punkten bahnten sich ihren Weg zur Bordtoilette und Papis diskutierten mit Haenden und Fuessen ueber Politik. Dass sie keine Boccia-Kugeln ausgepackt haben war fast alles.

Ich kam also in Mailand an. Ich muss sagen, dass ich es mir nicht so schlimm vorgestellt hatte... Natuerlich ist Mailand die Metropole der Poebene und selbstverstaendlich die Stadt der Mode, aber ich hatte das Gefuehl, dass die italienische Oberflaechlichkeit an diesem Ort eine maximale Konzentration erreicht. Wuerde ich einen Reisefuehrer schreiben, faende sich bei Mailand der Eintrag: "Wenn Sie nicht vorhaben, mit Designerklamotten die Kreditkarte zum Gluehen zu bringen oder Finanzgeschaefte zu taetigen haben, sollten Sie sich das nicht antun." Ich habe es ddort nur wenige Stunden ausgehalten. In der ganzen Zeit habe ich nicht eine Person laecheln gesehen - ausser mich selbst im Spiegel, als acht (!) Maenner in dunkelblauen Anzuegen (die offensichtlich einzig tragbare Farbe dort) gemeinsam eine Bar betraten und statt miteinander zu sprechen ein Handy am Ohr hatten. Ich wette, dass sie einen der anderen sieben anrufen, wenn sie den Telefonpartner persoenlich treffen!
Fuer Mama tut es mir leid, dass ich ihren Schuhladen nicht gefunden habe! Wahrscheinlich braucht man einen Designerguide oder so etwas... Andererseits sind Guerillia-Laeden der neueste Marketingschrei, weswegen der Guide wohl nach einer Woche bereits ueberholt waere. Auf eine gewisse Weise habe ich mich also amuesiert, weil mir alles wie ein grosses Theater vorkam. Ich meine, liebe Leute, muesst ihr denn wirklich beim Joggen im Park ein Headset am Ohr haben? So wie Smoki keine Luft atmet, die er nicht sehen kann, spricht hier niemand mit jemandem ohne vorher anzuklingeln.

Ich schreibe gerade aus Turin. Auch wenn es noch nicht richtig, richtig Italien ist, gefaellt es mir gut! Die Stadt waechst, ist kulturell und erinnert mich an vielen Stellen an Muenchen (so wie mich Muenchen irgendwie an Italien erinnert hat). Ich wuerde sagen, Turin ist eine Mischung aus beidem, weit weniger chaotisch als der Sueden, sauber und gepflegt mit Blumenkaesten am Brueckengelaender. Es ist etwa 22 Grad warm, die Sonne scheint und doch sieht man beim Spaziergang am Po bereits bunte Blaetter. Ich mag den Herbst und freue mich darueber. Ausserdem habe ich festgestellt, dass ich Staedte mag, die von einem Fluss geteilt werden. Vielleicht sind das heimatliche Zuege?
Leider ist in meinem Kopf noch immer ein Chaos der Sprachen, mein Italienisch hat einen englischen Akzent, manchmal sage ich "Merci" und denke denglisch. Das ist etwas schwierig, aber ich komme klar. Eis geben sie mir ;-)

So verbleibe ich mit Tanti saluti dal mondo italiano!

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